Heute im Angebot: Verknotete Sätze, falsche Fakten und eine leicht unsympathische Heldin.

 

Ich hatte es euch versprochen: Ihr bekommt meinen allerersten Roman zu lesen, in all seiner grausamen Schlechtheit, und ich werde ihn vor euren Augen überarbeiten. (Was bitte ist eine Live-Überarbeitung?). Am Ende kommt dabei hoffentlich etwas heraus, was man lesen kann. Die überarbeiteten Texte könnt ihr hier am Stück lesen: “Prinz Hakennase”. Dort findet ihr auch den Klappentext.

 

Zuerst bekommt ihr den unbearbeiteten Ausgangstext zu sehen, wie ich ihn 2008 geschrieben habe. Dieser Roman war mein allererster Versuch, überhaupt irgendwas zu schreiben, und entsprechend liest er sich auch. Trotzdem oder gerade deswegen: Viel Spaß! *g*

 

Schritt 1: Der alte Text

 

Prolog

 

Meinen Baumwollsari vor meinem Bauch verknotet, damit er mich nicht behindert, arbeite ich mich Strauch für Strauch durch unser kleines Feld.

Es geht langsam und beschwerlich und es ist so verdammt langweilig.

Nicht nur, dass man sich die Finger unglaublich dreckig macht, so dreckig, dass nicht einmal eine professionelle Maniküre noch etwas ausrichten könnte, man bekommt auch noch fast einen Sonnenstich. Ist ja auch kein Wunder, meinen schönen Hut mit der breiten Krempe konnte ich schließlich nicht mitnehmen.

Ist vielleicht auch ganz gut so, ein Hut der für Ascot geschaffen wurde, würde hier sicher einen Kulturschock auslösen.

 Manchmal, wenn ich den ganzen Vormittag geschuftet habe und mir die Füße wehtun als wäre ich 10 Stunden in High Heels shoppen gewesen, wünsche ich mir so sehr richtig bequeme Schuhe. Schöne weiße Turnschuhe mit Luftkammern. Man geht wie auf Wolken, was macht es da, dass die Schuhe einfach bescheuert aussehen zu meinem Sari.

Obwohl der immerhin eine Farbe angenommen hat, die so neutral ist, dass alles dazu passt.

Mein schöner roter Hochzeitssari, den meine Mutter noch selbst bestickt hat, war schneller unansehnlich geworden, als das Henna auf meinen Händen verblasste.

Ist ja auch kein Wunder, wenn man nur den einen Sari hat und der gleichzeitig als Arbeitskluft, Nachthemd und Bademantel dienen muss.

Oh nein, jetzt habe ich wieder an ein Bad gedacht.

Ein schönes, warmes, wohliges Schaumbad. Werde ich das jemals wieder erfahren können?

Oder werde ich mich für immer im kalten, dreckigen Wasser des Bewässerungskanals waschen müssen?

All das, ja all das könnte ich noch aushalten.

Aber diese Langeweile, die macht mich einfach fertig. Immerhin habe ich einen College-Abschluss und hier soviel geistige Ansprache wie ein Grashalm in der Wüste.

Und am meisten, ja am meisten vermisse ich die Musik.

Gehortet, scharenweise auf meinem geliebten mp3 Player.

Aber was würde der mir nützen, an diesem gottverlassenen Ort gibt es ja nicht einmal Strom!

 

Den Prolog fandet ihr schlimm? Dann wartet auf die nächste Folge. *g*

 

Schritt 2: Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge

Weiter geht´s. Im nächsten Schritt kommentiere ich den Text und mache Verbesserungsvorschläge.

Prolog

Meinen Baumwollsari vor meinem Bauch verknotet, damit er mich nicht behindert, arbeite ich mich Strauch für Strauch durch unser kleines Feld. Es geht langsam und beschwerlich und es ist so verdammt langweilig.

Verknoteter Sari, verknoteter Satz. Man sollte es dem Leser etwas einfacher machen, in den Text einzusteigen. Außerdem wirkt die liebe Radha hier etwas apathisch. Ich glaube, wir brauchen da etwas Griffigeres, ein paar bessere Bilder wären auch nicht schlecht.

Vielleicht so:

Indien ist schön, behaupten sie. Die weiten Wüsten, die bunten Farben, der tiefblaue Himmel.

Sie lügen.

Ich spüre nur die Sonne, die auf mich herunterbrennt, bis meine Haut sich schält. Die staubige Erde, die zwischen meinen Zehen reibt, bis meine Füße wund sind. Die feuchte Hitze im Dschungel, die mir auf die Lungen drückt.

Jetzt ist zwar noch nicht klar, dass sie auf dem Feld arbeitet, aber das kann man ja danach bringen. Mal den nächsten Abschnitt anschauen:

Nicht nur, dass man sich die Finger unglaublich dreckig macht, so dreckig, dass nicht einmal eine professionelle Maniküre noch etwas ausrichten könnte, man bekommt auch noch fast einen Sonnenstich.

Das kann man auch noch besser zeigen. Wobei macht sie sich die Finger dreckig? Und vor allem: Ist dreckig wirklich so schlimm? Blutige, abgebrochene Fingernägel, das wäre schon eher schlimm. Dass sie sich nicht die Finger schmutzig machen will, lässt sie etwas unsympathisch wirken. Hier kann gleich die Feldarbeit eingebaut werden. (Recherche: was wird dort von Selbstversorgern angebaut? Aha. Weizen und ein paar Hülsenfrüchte.) Das mit der Maniküre kann bleiben, das zeigt ja ganz gut, wie Radha tickt. Der nächste Abschnitt könnte dann so aussehen:

In der Hocke arbeite ich mich von Strauch zu Strauch und zupfe Kichererbsen von den Zweigen, bis mir die Finger bluten. Meine Fingernägel sind längst abgebrochen, nicht mal eine professionelle Maniküre könnte da noch helfen.

Weiter im alten Text:

Ist ja auch kein Wunder, meinen schönen Hut mit der breiten Krempe konnte ich schließlich nicht mitnehmen. Ist vielleicht auch ganz gut so, ein Hut der für Ascot geschaffen wurde, würde hier sicher einen Kulturschock auslösen.

Ja, der Hut. *räusper* Ascot? Wohl kaum. Da muss etwas nicht so Abgehobenes her.

Mein schöner roter Hochzeitssari, den meine Mutter noch selbst bestickt hat, war schneller unansehnlich geworden, als das Henna auf meinen Händen verblasste.

Und den Hochzeitsari verarzte ich gleich mit. Ist ja schön, wenn er aus der Familie stammt, aber ich glaube kaum, dass eine Frau wie Radhas Mutter den selbst besticken würde.

Also:

Schweiß läuft mir über die Stirn und ich wische ihn mit dem Handrücken weg. Das freie Ende meines Saris, der einzige Sonneschutz, den ich habe, rutscht mir vom Kopf. Sehnsüchtig denke ich an den weißen Hut mit der ausladenden Krempe, der zu Hause in New York in meinem Kleiderschrank liegt. Wie vieles andere konnte ich ihn nicht mitnehmen. Vielleicht ist das auch ganz gut so. Ein Hut, der für Mutters schicke Gartenpartys geschaffen wurde, würde hier wahrscheinlich einen Kulturschock auslösen.

Ich ziehe mir meinen Sari wieder über die Haare und tief ins Gesicht. Früher war er mal leuchtend rot, aber der Stoff ist nach meiner Hochzeit schneller verblasst, als das Henna auf meinen Händen. Kein Wunder, wenn man nur den einen Sari hat und der nicht nur als Nachthemd, sondern auch für die Feldarbeit herhalten muss.

Manchmal, wenn ich den ganzen Vormittag geschuftet habe und mir die Füße wehtun, als wäre ich 10 Stunden in High Heels shoppen gewesen, wünsche ich mir nichts so sehr wie bequeme Schuhe. Ein paar von diesen weißen Turnschuhen mit Luftkammern. Früher wäre ich lieber gestorben, als solche Schuhe anzuziehen. Jetzt würde ich dafür morden, welche zu bekommen.

 

Der nächste Teil:

Oh nein, jetzt habe ich wieder an ein Bad gedacht.

Ein schönes, warmes, wohliges Schaumbad. Werde ich das jemals wieder erfahren können?

Oder werde ich mich für immer im kalten, dreckigen Wasser des Bewässerungskanals waschen müssen?

Vorsicht Adjektiv-Explosion! Ich glaube, dieser Absatz kann sowieso ersatzlos gestrichen werden. Es gibt genug anderes, was demonstriert, dass sie aus ihrem Leben gerissen wurde. Dass sie ein Schaumbad vermisst, sagt über sie speziell auch eigentlich nichts aus, und ein Prolog sollte so kurz und knapp wie möglich sein.

All das, ja all das könnte ich noch aushalten.

Aber diese Langeweile, die macht mich einfach fertig. Immerhin habe ich einen College-Abschluss und hier soviel geistige Ansprache wie ein Grashalm in der Wüste.

Okay, sie reibt uns ihren College-Abschluss unter die Nase. Das klingt, als ob sie sich für was Besseres hält. Das muss umformuliert werden. Die Musik und die Langeweile müssen dann auch noch mit rein.

Und am meisten, ja am meisten vermisse ich die Musik.

Gehortet, scharenweise auf meinem geliebten mp3 Player.

Aber was würde der mir nützen, an diesem gottverlassenen Ort gibt es ja nicht einmal Strom!

Ausrufenzeichen! Damit sollte man sparsam umgehen, das muss weg.

Also:

All das könnte ich vielleicht noch aushalten. Aber die Langeweile, die macht mich wirklich fertig. Ich hatte gerade das College abgeschlossen, wollte studieren. Stattdessen bin ich hier gelandet, am Ende der Welt, im Nirgendwo. Die wenigen Menschen, die es hier gibt, sprechen meine Sprache nicht.

Wenn ich wenigstens Musik hören könnte, wenn ich nur meinen mp3-Player hätte. Aber was würde mir das nutzen? An diesem gottverlassenen Ort gibt es ja nicht mal Strom.

 

Schritt 3: Die überarbeitete Version

Noch ein wenig aufgehübscht hier jetzt die vorerst fertige Version:

Prolog

Indien ist schön, behaupten sie. Die weiten Wüsten, die bunten Farben, der tiefblaue Himmel.

Sie lügen.

Ich spüre nur die Sonne, die auf mich herunterbrennt, bis meine Haut sich schält. Die feuchte Hitze im Dschungel, die mir auf die Lungen drückt. Die staubige Erde, die zwischen meinen Zehen reibt, bis meine Füße wund sind.

Manchmal, wenn ich den ganzen Vormittag geschuftet habe und ich mich fühle, als wäre ich zehn Stunden in High Heels shoppen gewesen, wünsche ich mir nichts so sehr wie bequeme Schuhe. Ein paar von diesen weißen Turnschuhen mit Luftkammern. Früher wäre ich lieber gestorben, als solche Schuhe anzuziehen. Jetzt würde ich dafür morden, welche zu bekommen.

Ich hocke auf unserem kleinen Feld vor einem Strauch und zupfe Kichererbsen von den Zweigen, bis mir die Finger bluten. Meine Fingernägel sind längst abgebrochen, nicht mal eine professionelle Maniküre könnte da noch helfen.

Schweiß läuft mir über die Stirn, mit dem Handrücken wische ich ihn weg. Das freie Ende meines Saris, der einzige Sonneschutz, den ich habe, rutscht mir vom Kopf. Sehnsüchtig denke ich an den weißen Hut mit der ausladenden Krempe, der zu Hause in New York in meinem Kleiderschrank liegt. Wie vieles andere konnte ich ihn nicht mitnehmen. Vielleicht ist das auch gut so. Ein Hut, der für Mutters schicke Gartenpartys geschaffen wurde, würde hier wahrscheinlich einen Kulturschock auslösen. Und im Handumdrehen unansehnlich werden.

Ich ziehe mir meinen Sari wieder über die Haare und tief ins Gesicht. Vor meiner Hochzeit war der Stoff mal leuchtend rot, aber er ist schneller verblasst als das Henna auf meinen Händen. Kein Wunder, wenn man nur den einen Sari hat und der nicht nur als Nachthemd, sondern auch für die Feldarbeit herhalten muss.

All das könnte ich vielleicht noch aushalten. Aber die Langeweile, die macht mich wirklich fertig. Ich hatte gerade das College abgeschlossen, wollte an der Universität studieren. Stattdessen bin ich hier gelandet, mitten in Rajasthan, was so viel heißt wie Nirgendwo. Ich habe hier so viel geistige Ansprache, wie ein Grashalm in der Wüste Wasser. Die wenigen Menschen, die es hier gibt, sprechen meine Sprache nicht.

Wenn ich wenigstens Musik hören könnte, wenn ich nur meinen mp3-Player hätte. Aber was würde mir das nutzen? An diesem gottverlassenen Ort gibt es ja nicht mal Strom.

Fazit und Fragen

 

Ob es auf Dauer dabei bleibt, weiß ich noch nicht. Das hängt auch davon ab, wie sich das Projekt entwickelt. Aber so bin ich mit dem Prolog wesentlich zufriedener als mit der alten Version. So ganz glücklich bin ich allerdings noch nicht und ich merke schon, dass ich mich sehr zurückhalten muss, nicht einfach alles neuzuschreiben. 😉

 

Ein paar Fragen an euch:

 

Was meint ihr dazu?

Wieviele Tomaten/Schuhe werft ihr auf die alte Version?

Gibt es etwas, was ihr daran gut fandet?

Vielleicht sogar besser als in der neuen Version?

Und wie gefällt euch die neue Version? Würde dieser Prolog euch Lust machen, das ganze Buch zu lesen?

Wie ist der Aufbau des Blogartikels für euch? Ist es übersichtlich? Kann man die Abschnitte gut lesen?

 

Danke fürs Mitlesen und eure Kommentare! Bis zur nächsten Folge.

 

Freut euch auf übles Telling und grausame Pauschalisierung.

 

Hier geht es zu Live-Überarbeitung Teil 2

 

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