Heute im Angebot: Mieses Telling, üble Pauschalisierung und die obligatorische Spiegelszene!

Ich hatte es euch versprochen: Ihr bekommt meinen allerersten Roman zu lesen, in all seiner grausamen Schlechtheit, und ich werde ihn vor euren Augen überarbeiten. (Was bitte ist eine Live-Überarbeitung?). Am Ende kommt dabei hoffentlich etwas heraus, was man lesen kann. Die überarbeiteten Texte könnt ihr hier am Stück lesen: “Prinz Hakennase”. Dort findet ihr auch den Klappentext.

Zuerst bekommt ihr den unbearbeiteten Ausgangstext zu sehen, wie ich ihn 2008 geschrieben habe. Dieser Roman war mein allererster Versuch, überhaupt irgendwas zu schreiben, und entsprechend liest er sich auch. Trotzdem oder gerade deswegen: Viel Spaß! *g*

Weil mitmachen besser ist als Zuschauen: Am Ende dieses Artikels habe ich ein paar Fragen zusammengetragen und würde mich sehr über eure Hilfe freuen!

 

Ich hab mal ein bisschen mit meinem Graifkprogramm gespielt. Wie gefällt euch Radha? 

Schritt 1: der alte Text

Kapitel 1

 

Die Stöpsel meines mp3-Players in meinen Ohren summte ich fröhlich vor mich hin.

Es war schon später Vormittag und die Sonne schien munter durch die Fenster meines großen Zimmers. Unentschlossen stand ich vor meinem Ankleidezimmer und ließ mir verschiedene Outfits für die abendliche Feier auf dem Display anzeigen. Doch irgendwie konnte ich nichts passendes entdecken. Ich hatte einfach nichts ordentliches anzuziehen. Ein Shopping-Ausflug war dringend notwendig.

Resigniert ließ ich mir ein weißes, weitfallendes Top rausfahren. Es ließ eine Schulter frei.

Dazu kombinierte ich eine Jeans und über die Jeans schwarze, kniehohe Stiefel mit großen Schnallen auf Wadenhöhe.

Meine Schmuckschatulle spuckte eine lange Kette mit verschieden großen Perlen aus, die ich mir zweimal um den Hals legte.

Fertig. Ich sah einigermaßen annehmbar aus, meine neue Prada-Tasche würde es schon richten.

Einigermaßen zufrieden begab ich mich in die Küche im Erdgeschoss.

Wie alle reichen Inder, die im Ausland lebten, hatten auch wir ein riesiges, protziges Haus.

Es war modern aber typisch indisch eingerichtet.

Meine Eltern waren zwar sehr fortschrittlich und weltoffen, legten aber trotzdem viel Wert auf indische Traditionen und Kultur.

Die Küche war riesig. Weiße Hochglanzfronten mit Edelstahlgriffen glänzten mir entgegen.

Ich lächelte. Meine Mutter musste einfach immer mit der Mode gehen und das betraf sogar die Küche.

Fast hätte ich mich in der Kühlschranktür spiegeln können.

Ein Spiegel musste übrigens dringend her. Ich schnappte mir einen Apfel, mein übliches Frühstück und ging zum großen Garderobenspiegel im Eingangsbereich. Ausgiebig prüfte ich, ob meine braun-schwarzen, glatten Haare ordentlich fielen, ganz knapp über das Schulterblatt. Unterstrich der dick aufgetragene Kajal wie immer die Mandel-Form meiner braunen Augen? Schmiegte sich das weich fallende Top auch eng genug an meine schlanke Figur? Ja, ich war zufrieden. Ich durfte keine Zeit verschwenden, es galt, geeignete Begleitung für meine Einkaufstour zu organisieren. Ich schnappte mir mein Handy, und schrieb schnell eine auffordernde Email an meinen Notfall-Shopping-Verteiler.

Innerhalb von 5 Minuten hatte ich eine kleine Gruppe von 4 Mädels rekrutiert, die sich mit mir auf den Weg machen würden, etwas geeignetes für heute Abend auszusuchen.

 

Schritt 2: Kommentare und teilweise neuer Text

 

Als erstes mal ein kurzes Gesamtfazit: Ich finde ja, da ist schon viel Schönes dabei. *g* Man erfährt hier einiges über Radha. Dass sie sehr oberflächlich, ja regelrecht naiv rüberkommt, ist ja durchaus gewollt. Schon allein, damit der Kontrast zum Prolog sehr hoch ist. Trotzdem, ihr wisst ja, was es bedeutet, wenn einer sagt: Da ist schon viel Schönes dabei. Nämlich, dass man das zwischen all dem Schlechten ziemlich suchen muss. Also fangen wir mal an.

 

Die Stöpsel meines mp3-Players in meinen Ohren summte ich fröhlich vor mich hin.

 

Ganz nett als Einstieg, so weiß man auch sofort, dass man sich an einem anderen Ort und in einer anderen Zeit befindet als im Prolog, denn dort hat sie ja lang und breit um ihren MP3-Player getrauert. Allerdings gefällt mir die Satzkonstruktion nicht so. Ihr werdet sehen, dass ich sie früher wohl sehr gern mochte, denn sie begegnet einem in der alten Version des Textes ziemlich häufig.

 

Außerdem habe ich ein weiteres Problem mit dem Einstieg: Warum hat sie ihren mp3-Player auf den Ohren, wenn sie sich demnächst anziehen will? Würde sie dann nicht eher die Stereoanlage benutzen? Wenn ich das also behalten will, sollte ich sie das Ding in die Dockingstation stellen lassen. Und man könnte hier gleich einfließen lassen, was für Musik sie mag. Das wäre jetzt was, was ich euch entscheiden lassen würde. Was würde eine angehende Studentin wie Radha wohl für Musik hören?

 

Ich zog mir die Stöpsel meines mp3-Players aus den Ohren und stellte ihn in die Dockingstation. “XY” von “YZ” schallte mir aus den Lautsprechern entgegen. Eines meiner absoluten Lieblingslieder, das ich morgens einfach zum wach werden brauchte, genau wie meine tägliche Laufrunde durch den Central Park. Ich summte die Melodie mit, während ich mir die verschwitzten Sportsachen auszog und sie in den Wäscheschacht neben der Dusche fallen ließ. Nachdem ich mir Schweiß, Staub und Dreck gründlich runtergewaschen hatte, wickelte ich erst meine Haare und dann mich in ein Handtuch und ging zu meinem Ankleidezimmer.

 

Und weiter im alten Text:

 

Es war schon später Vormittag und die Sonne schien munter durch die Fenster meines großen Zimmers. Unentschlossen stand ich vor meinem Ankleidezimmer und ließ mir verschiedene Outfits für die abendliche Feier auf dem Display anzeigen.

 

Wunderbar. Ein Paradebeispiel für schlecht eingesetzte Adjektive. Die Sonne schien munter. Klingt wie aus den 50er Jahren übrig geblieben. Welche 22-jährige würde heutzutage so denken? Außerdem lebt sie seit Jahren in diesem Zimmer, warum sollte sie gerade heute denken, dass es groß ist? Klar, der Leser soll wissen, dass sie ein reiches Töchterchen ist, aber das ist doch durch das Ankleidezimmer mit Computerprogrammierung schon deutlich genug. So was hat man sicher nicht in einem 12 qm großen handelsüblichen Kinderzimmer. Die abendlich Feier verschieben wir nach hinten, erstmal soll sie sich was normales anziehen.

Dass sie unentschlossen herumsteht, ist ein perfektes Beispiel für die Faulheit des Autors. *g* Oder vielleicht für die Unwissenheit. Na ja. Auf jeden Fall ist dieses Adjektiv hier nichts anderes als gemeines Telling. Nicht sagen, dass sie unentschlossen ist, sondern es zeigen. Dabei könnte man vielleicht gleich noch die grausige Spiegelszene loswerden und durch eine etwas bessere Alternative ersetzen:

 

Die Morgensonne schien warm durch die Fenster meines Zimmers und trocknete die letzten Wassertropfen auf meinen nackten Schultern. Meine langen dicken Haare würde ich allerdings föhnen müssen. Wenn nicht gerade Hochsommer war, wurden sie an der Luft einfach nicht richtig trocken.

 

So. Gleich mal die langen dicken Haare untergebracht. Irgendwo muss jetzt nur noch erwähnt werden, dass sie schwarz sind. Das ergibt hier keinen Sinn, denn die Farbe hat ja nichts damit zu tun, wie schnell die Haare trocknen.

 

Ich tippte auf das Display an der Tür meines Ankleidezimmers. In großen freundlichen Buchstaben leuchtete mir “Don´t Panic” entgegen und dann “Wir finden das richtige Outfit.” (Ich liebe solche Anspielungen zu sehr, um sie mir entgehen zu lassen *g*) Das Display wurde kurz dunkel, dann zeigte es mir ein Foto von mir selbst, das ich gerade erst vor zwei Tagen frisch hochgeladen hatte. Schließlich musste das Ding immer auf dem neusten Stand sein, nicht nur was Mode anging, sondern auch was mich anging. Wie sollte es mich sonst ordentlich beraten? Ich ließ mir mehrere Kombinationen von Oberteilen und Hosen anzeigen. Gerade war es eine dunkle Jeans zu einem quietschgrünen Top mit knallgelben Streifen. Ich verzog das Gesicht. Bei manchen Sachen fragte ich mich wirklich, warum ich sie überhaupt gekauft hatte. Knallige Farben passten zwar gut zu meinen schwarzen Haaren und meiner dunklen Haut (ha! *g*), aber das war keine Entschuldigung für derartige Geschmacklosigkeiten. Ich tippte auf “aussortieren” und ließ mir das nächste Teil anzeigen. “Wir finden das richtige Outfit? Von wegen”, murmelte ich.

 

Erstmal weiter:

 

Doch irgendwie konnte ich nichts passendes entdecken.

 

Auch gemeines Telling. Muss weg.

 

Ich hatte einfach nichts ordentliches anzuziehen. Ein Shopping-Ausflug war dringend notwendig.

 

Das ist ja ganz lustig, wenn auch etwas Klischee. Passt aber zu Radha, deswegen darf es bleiben.

 

Nachdem ich fünf Teile aussortiert und drei Kombinationen auf “unterirdisch” gesetzt hatte, wurde mir eines klar: Ich hatte nichts anzuziehen. Ein Shopping-Ausflug war dringend notwendig. Nicht nur, um mir etwas für die Party auszusuchen, die meine Eltern morgen Abend gaben. (Zeit verschoben, warum kommt später.)

 

Weiter:

 

Resigniert ließ ich mir ein weißes, weitfallendes Top rausfahren. Es ließ eine Schulter frei.

Dazu kombinierte ich eine Jeans und über die Jeans schwarze, kniehohe Stiefel mit großen Schnallen auf Wadenhöhe.

 

Das Outfit ist etwas 2008, aber gut. Bleibt mal so. (Vorschläge für ein anderes, aktuelleres Outfit nehme ich gern entgegen!) Das tellige und durch den Absatz davor völlig überflüssige resigniert wird noch gelöscht. Wenn man es noch mal betonen will, lässt man sie halt seufzen oder das Gesicht verziehen.

 

Schließlich ließ ich mir notgedrungen ein weißes, weitfallendes Top rausfahren. Es ließ eine Schulter frei. Dazu kombinierte ich eine Jeans und darüber schwarze, kniehohe Stiefel mit großen Schnallen auf Wadenhöhe. Das musste vorerst reichen.

 

Der nächste Teil:

 

Meine Schmuckschatulle spuckte eine lange Kette mit verschieden großen Perlen aus, die ich mir zweimal um den Hals legte.

 

Irgendwie ist das ausspucken hier doch ein zu starkes Bild. Da das Ankleidezimmer ja tatsächlich in der Lage ist, Klamotten auszuwerfen, sieht man hier unweigerlich eine spuckende Schmuckschatulle vor sich. Dabei schreibe ich diesmal doch gar keine Fantasy. 😉

 

Aus dem Schmuckregal wählte ich eine lange Kette mit verschieden großen silbernen und weißen Perlen aus, die ich mir zweimal um den Hals legte.

 

Fertig. Ich sah einigermaßen annehmbar aus, meine neue Prada-Tasche würde es schon richten.

 

Okayyyy. Kein Kommentar. 😉

 

Einigermaßen zufrieden begab ich mich in die Küche im Erdgeschoss.

Wie alle reichen Inder, die im Ausland lebten, hatten auch wir ein riesiges, protziges Haus.

Es war modern aber typisch indisch eingerichtet.

 

Autsch. Das ist ganz böse. Eine Pauschalisierung, die so grauenhaft ist, dass ich sie am liebsten zensiert hätte. Aber dieses Thema ist einfach zu wichtig, um es nicht anzusprechen. Nicht nur, dass es übles Telling ist (lieber sollte man sie die Einrichtung benutzen lassen und dadurch zeigen, wie es im Haus aussieht), eine solche Pauschalisierung bedient auch alle Klischees. Man sollte solche Aussagen tunlichst vermeiden. Im Zweifelsfall tut man damit zu vielen Leuten unrecht und vermittelt ein völlig falsches Bild. Außerdem zeigt man damit meistens, dass man keine Ahnung hat, oder zu faul zum recherchieren war. 😛 Hier zum Beispiel: Eine reiche Familie am Central Park lebt wohl eher in einem luxuriösen Wohnhaus in einer mehrstöckigen Wohnung.

 

Meine Eltern waren zwar sehr fortschrittlich und weltoffen, legten aber trotzdem viel Wert auf indische Traditionen und Kultur.

 

Hach, noch mehr schickes Telling. Eine wahre Fundgrube. Sowas sollte lieber durch eine Szene gezeigt werden. Ein Dialog mit der Mutter würde sich zum Beispiel anbieten.

 

Die Küche war riesig. Weiße Hochglanzfronten mit Edelstahlgriffen glänzten mir entgegen.

Ich lächelte. Meine Mutter musste einfach immer mit der Mode gehen und das betraf sogar die Küche.

 

Ja, den Dialog mit der Mutter brauche ich hier unbedingt. So viel Telling und verschenktes Potential.

 

Fast hätte ich mich in der Kühlschranktür spiegeln können.

 

Der ziemlich misslungene Versuch einer Überleitung zur ausgelutschten Spiegelszene.

 

Ein Spiegel musste übrigens dringend her. Ich schnappte mir einen Apfel, mein übliches Frühstück und ging zum großen Garderobenspiegel im Eingangsbereich. Ausgiebig prüfte ich, ob meine braun-schwarzen, glatten Haare ordentlich fielen, ganz knapp über das Schulterblatt. Unterstrich der dick aufgetragene Kajal wie immer die Mandel-Form meiner braunen Augen? Schmiegte sich das weich fallende Top auch eng genug an meine schlanke Figur? Ja, ich war zufrieden.

 

Ich war jung und … wusste es nicht besser. *g* Meine einzige Entschuldigung für die Spiegelszene. Wer von uns hat sie noch nicht als bequemes Mittel eingesetzt, die Ich-Erzählerin sich selbst beschreiben zu lassen? (Dass es für die Art, wie sie sich beschreibt, wirklich keine Entschuldigung gibt, lasse ich mal unter den Tisch fallen.) Irgendwann war das wahrscheinlich auch mal eine echt innovative Idee. Leider ist es das mittlerweile nicht mehr. Sich eine Alternative einfallen zu lassen ist allerdings oft gar nicht so einfach, wenn man mit der Beschreibung nicht bis Kapitel fünf warten will, aber die Beschreibung hab ich ja zum Glück schon untergebracht, kann also weg. Mittlerweile beschreibe ich übrigens die Protagonisten am liebsten ganz einfach aus der Sicht des jeweils anderen. Ein Kapitel oder zwei kann man schon warten, bevor man die Beschreibung liefert. Leider geht das hier nicht, weil Krishan keine Perspektive hat.

Außerdem möchte ich hier unbedingt noch einen Kommentar zu Radhas Körperbesessenheit loswerden. Normalerweise vermeide ich Beschreibungen dieser Art. Ich betone nicht, dass meine Heldin schlank ist. Wenn ihre Figur keine Rolle spielt, erwähne ich sie einfach gar nicht. Ich will zum einen nicht dazu beitragen, dass irgendwelche Äußerlichkeiten idealisiert werden, zum anderen: wenn es nicht wichtig ist, muss man es auch nicht ansprechen. Die Leser haben dann die Freiheit, es sich so vorzustellen, wie sie wollen. Und die meisten Leser werden sich ein durchschnittlich gebautes, eher schlankes Mädchen vorstellen. Ich gebe Eckpunkte, die mir wichtig erscheinen. Haarfarbe, Augenfarbe, Hautton. Aber ich reibe meinem Leser nicht unter die Nase, dass die Heldin unbedingt schlank sein will. Und auch nicht, dass der Love Interest das sexy findet. Das werde ich auch hier nicht tun, denn das ist mir zu flach. Ich möchte, dass mein Love Interest andere Dinge an meiner Heldin attraktiv findet als ihre tolle Figur. Die Beschreibung fliegt daher einfach raus. Wird nicht gebraucht.

 

Ich durfte keine Zeit verschwenden, es galt, geeignete Begleitung für meine Einkaufstour zu organisieren. Ich schnappte mir mein Handy, und schrieb schnell eine auffordernde Email an meinen Notfall-Shopping-Verteiler.

 

Den Notfall-Shopping-Verteiler mag ich. Der darf bleiben. *g*

 

Innerhalb von 5 Minuten hatte ich eine kleine Gruppe von 4 Mädels rekrutiert, die sich mit mir auf den Weg machen würden, etwas geeignetes für heute Abend auszusuchen.


Bevor ich den Text fertig stellen kann, muss noch recherchiert werden: Welche Nachnamen haben Familien in Rajasthan? Wie wohnen reiche Leute am Central Park? Was isst man in Rajasthan zum Frühstück?

 

Schritt 3: der neue Text


Kapitel 1

 

Ich zog die Stöpsel meines mp3-Players aus den Ohren und stellte ihn in die Dockingstation. “XY” von “YZ” schallte mir aus den Lautsprechern entgegen. Eines meiner absoluten Lieblingslieder, das ich morgens einfach zum wach werden brauchte, genau wie meine tägliche Laufrunde durch den Central Park. Ich summte die Melodie mit, während ich mir die verschwitzten Sportsachen auszog und sie in den Wäscheschacht neben der Dusche fallen ließ. Nachdem ich mir Schweiß, Staub und Dreck gründlich runtergewaschen hatte, wickelte ich erst meine Haare und dann mich in ein Handtuch und ging zu meinem Ankleidezimmer. Die Morgensonne schien warm durch die Fenster und trocknete die letzten Wassertropfen auf meinen nackten Schultern. Meine langen dicken Haare würde ich allerdings föhnen müssen. Wenn nicht gerade Hochsommer war, wurden sie an der Luft einfach nicht richtig trocken.

Ich tippte auf das Display an der Tür meines Ankleidezimmers. In großen freundlichen Buchstaben leuchtete mir “Don´t Panic” entgegen und dann “Wir finden das richtige Outfit.” Das Display wurde kurz dunkel, dann zeigte es mir ein Foto von mir selbst, das ich gerade erst vor zwei Tagen hochgeladen hatte. Schließlich musste das Ding immer auf dem neusten Stand sein, nicht nur was Mode anging, sondern auch was mich anging. Wie sollte es mich sonst ordentlich beraten? Ich ließ mir mehrere Kombinationen von Oberteilen und Hosen anzeigen. Gerade war es eine dunkle Jeans zu einem quietschgrünen Top mit knallgelben Streifen. Ich verzog das Gesicht. Bei manchen Sachen fragte ich mich wirklich, warum ich sie überhaupt gekauft hatte. Knallige Farben passten zwar gut zu meinen schwarzen Haaren und meiner dunklen Haut, aber das war keine Entschuldigung für derartige Geschmacklosigkeiten. Ich tippte auf “aussortieren” und ließ mir das nächste Teil anzeigen. Als ich sah, was der Computer mir vorschlug, stöhnte ich auf. “Ich glaube, du brauchst mal wieder ein Update. Wir finden das richtige Outfit? Von wegen.”

Nachdem ich fünf Teile aussortiert und drei Kombinationen auf “unterirdisch” gesetzt hatte, wurde mir eines klar: Ich hatte nichts anzuziehen. Ein Shopping-Ausflug war dringend notwendig. Nicht nur, um mir etwas für die Party auszusuchen, die meine Eltern morgen Abend gaben. Ich zog mein Handy heraus und tippte eine E-Mail an meinen Notfall-Shopping-Verteiler. Innerhalb von fünf Minuten hatte ich vier Mädels rekrutiert, die sich mit mir an die Aufgabe wagen würden, meinen Kleiderschrank auf den neuesten Stand zu bringen. Danach beschloss ich, mir erst mal die Haare zu föhnen. So konnte ich die Entscheidung noch ein wenig aufschieben, welches Outfit das geringste Übel war.

Schließlich ließ ich mir ein weißes, weitfallendes Top rausfahren, das eine Schulter freiließ. Dazu kombinierte ich eine Jeans und darüber schwarze, kniehohe Stiefel mit großen Schnallen auf Wadenhöhe. Das musste vorerst reichen. Aus dem Schmuckregal wählte ich eine lange Kette mit verschieden großen silbernen und weißen Perlen aus, die ich mir zweimal um den Hals legte. Dann noch etwas Make-Up, undenkbar, ohne Lidstrich aus dem Haus zu gehen. Ein kurzer Blick in den Spiegel sagte mir, dass ich einigermaßen annehmbar aussah. Meine neue Prada-Tasche würde es schon richten.

***

Schon auf der Treppe nach unten hörte ich Mutter aus der Küche ohne Punkt und Komma reden. Ich runzelte die Stirn. Es war Freitag morgen und normalerweise war sie um diese Uhrzeit längst auf dem Weg in ihre Galerie. Nichts hielt sie lange von den Kunstwerken fern, die sie überall auf der Welt zusammentrug, um sie dann hier in New York den Kritikern zum Fraß vorzuwerfen.

“Gut, dann wissen Sie für morgen Abend Bescheid”, hörte ich sie durch die halbgeöffnete Tür. Natürlich. Die Organisation der Party morgen war ihr dazwischen gekommen.

“Wie immer Mrs. Tiwari.” Das war Anne, unsere Haushälterin. Bewundernswert wie ruhig sie klang, obwohl meine Mutter ihr wahrscheinlich genug Arbeit für zwei Wochen aufgetragen hatte. Zu erledigen bis morgen Mittag.

Ich stieß die Küchentür auf. Mutter wandte sich zu mir um. “Ah, Radha.” Sie lächelte mich an.

“Morgen, Mom. Hallo, Anne. Ich will euch gar nicht stören, ich hole mir nur mein Frühstück.” Ich schnappte mir einen Apfel und hielt ihn hoch.

“Du störst nicht. Setz dich doch, Anne hat extra die Chapattis für dich warm gehalten.”

Mein Blick zuckte zum Ofen, der auf Brusthöhe in die weiße Hochglanzfront der Küche eingelassen war. Darin stand ein Teller mit Fladenbrot.

“Daal ist auch noch da, Ms. Radha.” Obwohl Anne dank der Anleitung meiner Großmutter mittlerweile kochte, als wäre sie in Indien aufgewachsen und nicht in Manchaster, schüttelte ich den Kopf. Linsen und Fladenbrot waren nicht gerade das, was ich mir unter einem guten Frühstück vorstellte, egal wie sehr Mutter versuchte, es mir schmackhaft zu machen. Man sollte meinen, dass sie nach 22 Jahren eingesehen hatte, dass es zwecklos war.

“Nein, danke.”

Mutter zog die Augenbrauen zusammen und holte Luft, um etwas zu sagen.

“Ich gehe nachher noch mit den Mädels essen”, warf ich ein, bevor sie ihren üblichen Vortrag über die Wichtigkeit eines gehaltvollen, nach Möglichkeit traditionell indischen Frühstücks vom Stapel lassen konnte. “Wir gehen shoppen. Ich brauch doch was zum Anziehen für morgen.”

“Ach ja, darüber wollte ich noch mit dir reden …”

“Später, okay? Ich will die anderen nicht warten lassen.”

“Radha …”

Ich ging auf sie zu und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Dann wandte ich mich zur Tür. “Mach dir keine Sorgen, ich finde schon was Passendes. Ich werd dich auf deiner Party nicht blamieren, versprochen.” Auf dem Weg nach draußen warf ich Anne zum Abschied ein Lächeln zu, dann machte ich mich davon. Ich hörte noch, wie Mutter wieder anfing, auf Anne einzureden, während ich mir meine Tasche über die Schulter hängte und den Aufzug rief, der mich ins Foyer bringen würde.

 

To be continued …

 

Jetzt seid ihr gefragt!

Wie gefällt euch die neue Version?

Fehlt euch etwas, was ihr in der alten Version mochtet?

Was sollte Radha für Musik hören?

Sollte sie etwas anderes anhaben?

Wie gefällt euch die Grafik, die ich gebastelt habe?

 

Ich freue mich auf eure Kommentare und hoffe, auch dieser Teil der Live-Überarbeitung hat euch wieder gefallen.

 

Eure Alana

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