Achtung: Dieser Text ist Eigentum der Autorin Alana Falk und darf ohne Zustimmung nicht kopiert oder zitiert werden. Das Verlinken dieser Blog-Seite ist aber natürlich erlaubt und wird gern gesehen. 🙂

Prolog

Indien ist schön, behaupten sie. Die weiten Wüsten, die bunten Farben, der tiefblaue Himmel.

Sie lügen.

Ich spüre nur die Sonne, die auf mich herunterbrennt, bis meine Haut sich schält. Die feuchte Hitze im Dschungel, die mir auf die Lungen drückt. Die staubige Erde, die zwischen meinen Zehen reibt, bis meine Füße wund sind.

Manchmal, wenn ich den ganzen Vormittag geschuftet habe und ich mich fühle, als wäre ich zehn Stunden in High Heels shoppen gewesen, wünsche ich mir nichts so sehr wie bequeme Schuhe. Ein paar von diesen weißen Turnschuhen mit Luftkammern. Früher wäre ich lieber gestorben, als solche Schuhe anzuziehen. Jetzt würde ich dafür morden, welche zu bekommen.

Ich hocke auf unserem kleinen Feld vor einem Strauch und zupfe Kichererbsen von den Zweigen, bis mir die Finger bluten. Meine Fingernägel sind längst abgebrochen, nicht mal eine professionelle Maniküre könnte da noch helfen.

Schweiß läuft mir über die Stirn, mit dem Handrücken wische ich ihn weg. Das freie Ende meines Saris, der einzige Sonneschutz, den ich habe, rutscht mir vom Kopf. Sehnsüchtig denke ich an den weißen Hut mit der ausladenden Krempe, der zu Hause in New York in meinem Kleiderschrank liegt. Wie vieles andere konnte ich ihn nicht mitnehmen. Vielleicht ist das auch gut so. Ein Hut, der für Mutters schicke Gartenpartys geschaffen wurde, würde hier wahrscheinlich einen Kulturschock auslösen. Und im Handumdrehen unansehnlich werden.

Ich ziehe mir meinen Sari wieder über die Haare und tief ins Gesicht. Vor meiner Hochzeit war der Stoff mal leuchtend rot, aber er ist schneller verblasst als das Henna auf meinen Händen. Kein Wunder, wenn man nur den einen Sari hat und der nicht nur als Nachthemd, sondern auch für die Feldarbeit herhalten muss.

All das könnte ich vielleicht noch aushalten. Aber die Langeweile, die macht mich wirklich fertig. Ich hatte gerade das College abgeschlossen, wollte an der Universität studieren. Stattdessen bin ich hier gelandet, mitten in Rajasthan, was so viel heißt wie Nirgendwo. Ich habe hier so viel geistige Ansprache, wie ein Grashalm in der Wüste Wasser. Die wenigen Menschen, die es hier gibt, sprechen meine Sprache nicht.

Wenn ich wenigstens Musik hören könnte, wenn ich nur meinen mp3-Player hätte. Aber was würde mir das nutzen? An diesem gottverlassenen Ort gibt es ja nicht mal Strom.

Kapitel 1

Ich zog die Stöpsel meines mp3-Players aus den Ohren und stellte ihn in die Dockingstation. “XY” von “YZ” schallte mir aus den Lautsprechern entgegen. Eines meiner absoluten Lieblingslieder, das ich morgens einfach zum wach werden brauchte, genau wie meine tägliche Laufrunde durch den Central Park. Ich summte die Melodie mit, während ich mir die verschwitzten Sportsachen auszog und sie in den Wäscheschacht neben der Dusche fallen ließ. Nachdem ich mir Schweiß, Staub und Dreck gründlich runtergewaschen hatte, wickelte ich erst meine Haare und dann mich in ein Handtuch und ging zu meinem Ankleidezimmer. Die Morgensonne schien warm durch die Fenster und trocknete die letzten Wassertropfen auf meinen nackten Schultern. Meine langen dicken Haare würde ich allerdings föhnen müssen. Wenn nicht gerade Hochsommer war, wurden sie an der Luft einfach nicht richtig trocken.

Ich tippte auf das Display an der Tür meines Ankleidezimmers. In großen freundlichen Buchstaben leuchtete mir “Don´t Panic” entgegen und dann “Wir finden das richtige Outfit.” Das Display wurde kurz dunkel, dann zeigte es mir ein Foto von mir selbst, das ich gerade erst vor zwei Tagen hochgeladen hatte. Schließlich musste das Ding immer auf dem neusten Stand sein, nicht nur was Mode anging, sondern auch was mich anging. Wie sollte es mich sonst ordentlich beraten? Ich ließ mir mehrere Kombinationen von Oberteilen und Hosen anzeigen. Gerade war es eine dunkle Jeans zu einem quietschgrünen Top mit knallgelben Streifen. Ich verzog das Gesicht. Bei manchen Sachen fragte ich mich wirklich, warum ich sie überhaupt gekauft hatte. Knallige Farben passten zwar gut zu meinen schwarzen Haaren und meiner dunklen Haut, aber das war keine Entschuldigung für derartige Geschmacklosigkeiten. Ich tippte auf “aussortieren” und ließ mir das nächste Teil anzeigen. Als ich sah, was der Computer mir vorschlug, stöhnte ich auf. “Ich glaube, du brauchst mal wieder ein Update. Wir finden das richtige Outfit? Von wegen.”

Nachdem ich fünf Teile aussortiert und drei Kombinationen auf “unterirdisch” gesetzt hatte, wurde mir eines klar: Ich hatte nichts anzuziehen. Ein Shopping-Ausflug war dringend notwendig. Nicht nur, um mir etwas für die Party auszusuchen, die meine Eltern morgen Abend gaben. Ich zog mein Handy heraus und tippte eine E-Mail an meinen Notfall-Shopping-Verteiler. Innerhalb von fünf Minuten hatte ich vier Mädels rekrutiert, die sich mit mir an die Aufgabe wagen würden, meinen Kleiderschrank auf den neuesten Stand zu bringen. Danach beschloss ich, mir erst mal die Haare zu föhnen. So konnte ich die Entscheidung noch ein wenig aufschieben, welches Outfit das geringste Übel war.

Schließlich ließ ich mir ein weißes, weitfallendes Top rausfahren, das eine Schulter freiließ. Dazu kombinierte ich eine Jeans und darüber schwarze, kniehohe Stiefel mit großen Schnallen auf Wadenhöhe. Das musste vorerst reichen. Aus dem Schmuckregal wählte ich eine lange Kette mit verschieden großen silbernen und weißen Perlen aus, die ich mir zweimal um den Hals legte. Dann noch etwas Make-Up, undenkbar, ohne Lidstrich aus dem Haus zu gehen. Ein kurzer Blick in den Spiegel sagte mir, dass ich einigermaßen annehmbar aussah. Meine neue Prada-Tasche würde es schon richten.

***

Schon auf der Treppe nach unten hörte ich Mutter aus der Küche ohne Punkt und Komma reden. Ich runzelte die Stirn. Es war Freitag morgen und normalerweise war sie um diese Uhrzeit längst auf dem Weg in ihre Galerie. Nichts hielt sie lange von den Kunstwerken fern, die sie überall auf der Welt zusammentrug, um sie dann hier in New York den Kritikern zum Fraß vorzuwerfen.

“Gut, dann wissen Sie für morgen Abend Bescheid”, hörte ich sie durch die halbgeöffnete Tür. Natürlich. Die Organisation der Party morgen war ihr dazwischen gekommen.

“Wie immer Mrs. Tiwari.” Das war Anne, unsere Haushälterin. Bewundernswert wie ruhig sie klang, obwohl meine Mutter ihr wahrscheinlich genug Arbeit für zwei Wochen aufgetragen hatte. Zu erledigen bis morgen Mittag.

Ich stieß die Küchentür auf. Mutter wandte sich zu mir um. “Ah, Radha.” Sie lächelte mich an.

“Morgen, Mom. Hallo, Anne. Ich will euch gar nicht stören, ich hole mir nur mein Frühstück.” Ich schnappte mir einen Apfel und hielt ihn hoch.

“Du störst nicht. Setz dich doch, Anne hat extra die Chapattis für dich warm gehalten.”

Mein Blick zuckte zum Ofen, der auf Brusthöhe in die weiße Hochglanzfront der Küche eingelassen war. Darin stand ein Teller mit Fladenbrot.

“Daal ist auch noch da, Ms. Radha.” Obwohl Anne dank der Anleitung meiner Großmutter mittlerweile kochte, als wäre sie in Indien aufgewachsen und nicht in Manchaster, schüttelte ich den Kopf. Linsen und Fladenbrot waren nicht gerade das, was ich mir unter einem guten Frühstück vorstellte, egal wie sehr Mutter versuchte, es mir schmackhaft zu machen. Man sollte meinen, dass sie nach 22 Jahren eingesehen hatte, dass es zwecklos war.

“Nein, danke.”

Mutter zog die Augenbrauen zusammen und holte Luft, um etwas zu sagen.

“Ich gehe nachher noch mit den Mädels essen”, warf ich ein, bevor sie ihren üblichen Vortrag über die Wichtigkeit eines gehaltvollen, nach Möglichkeit traditionell indischen Frühstücks vom Stapel lassen konnte. “Wir gehen shoppen. Ich brauch doch was zum Anziehen für morgen.”

“Ach ja, darüber wollte ich noch mit dir reden …”

“Später, okay? Ich will die anderen nicht warten lassen.”

“Radha …”

Ich ging auf sie zu und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Dann wandte ich mich zur Tür. “Mach dir keine Sorgen, ich finde schon was Passendes. Ich werd dich auf deiner Party nicht blamieren, versprochen.” Auf dem Weg nach draußen warf ich Anne zum Abschied ein Lächeln zu, dann machte ich mich davon. Ich hörte noch, wie Mutter wieder anfing, auf Anne einzureden, während ich mir meine Tasche über die Schulter hängte und den Aufzug rief, der mich ins Foyer bringen würde.

 

To be continued …